Einführungsworte von Wolfgang Kellner:
„Dies ist heute eine gemeinsame Veranstaltung von Iris und Wolfgang Gess, der Kulturagentur der Ostfriesischen Landschaft und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Ostfriesland.
Nichts ist aktueller in diesen Zeiten als der heutige Vortrag und zwar in zweierlei Hinsicht.
Die Veröffentlichung von Millionen erhaltener Mitgliedskarten der NSDAP in der „Zeit“ und dem „Spiegel“ hat eine rege Diskussion, teilweise kontrovers, zu der Frage ausgelöst, wie mit den neuen möglichen Erkenntnissen in der eigenen Familiengeschichte im NS-Staat umzugehen ist.
Dabei wird die Frage erörtert, ob und wie Menschen wie Du und Ich früher mitschuldig geworden sind.
Das sind Themen, zu denen die Politikwissenschaftlerin Katrin Himmler als Großnichte der Reichsführers SS, Heinrich Himmler, bereits seit 2005 mit ihrem Buch Die Brüder Himmler. Eine deutsche Familiengeschichte und vielen Vorträgen Stellung nimmt.
Ein weiterer Effekt dieser neuen Dateien ist, dass die mithilfe von KI aufbereiteten Daten erstmals einen Blick auf die Strukturen, unabhängig von der Einzelperson, erlauben.
Ich habe für diesen Abend durch eine entsprechende Suchfunktion alle Mitgliedskarten für den Wohnort Leer abgefragt. Dadurch kann man Rückschlüsse ziehen auf Beruf, Alter und Familienstand der NSDAP-Mitglieder. Auch in Leer
waren die Mitglieder demnach überwiegend männlich und aus der bürgerlichen Mittelschicht stammend. Die NSDAP war keine Arbeiterpartei. Hitler hatte als maximale Zahl der Mitglieder 10 % der Gesamtbevölkerung, also etwa 20 –
30 % der erwachsenen Personen festgelegt. Diese Quote wurde auch in Leer erreicht.
Der damals in Berlin lehrende Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter hatte 1991 bereits in seinem Buch „Hitlers Wähler“ die NSDAP als „Volkspartei des Protestes mit Mittelstandsbauch“ klassifiziert
Und das führt zu dem zweiten Aspekt des heutigen Abends. Gibt es eine Gegenwart der Vergangenheit? Wiederholen sich Entwicklungen aus der Weimarer Zeit?
Welche Kriterien begünstigen die „Neue Rechte“ heute im historischen Kontext? Das wird Katrin Himmler heute auch behandeln.
Eine Person ist hier unsichtbar anwesend. Es ist der Großonkel Katrin Himmlers, der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, die Inkarnation des Bösen im NS-Staat.
Ich werde zum Schluss mit den folgenden Fotodokumenten zeigen, dass Heinrich Himmler nicht allein war. Auch nicht in dieser Region.



Fotos: Mechthid Tammena